Mitochondriale Medizin (erworbene Mitochondropathien)

"Energiestoffwechsel-Defizit-Erkrankungen"

Die Mitochondriale Medizin (auch kurz MitoMedizin genannt) ist im Teilgebiet der erworbenen Mitochondropathien inzwischen zu einer neuen und sich schnell weiterentwickelnden Disziplin der biologischen und  ganzheitlichen Medizin geworden. Dies ist maßgeblich den bahnbrechnenden Aktivitäten der Forscher und Ärzte Dr. Bodo Kuklinski in Deutschland und Dr. ML. Pall in den USA zuzuschreiben und zu verdanken.

Mitochondrien sind Zellorganellen (Strukturen der Körperzellen mit bestimmter Funktion), deren Hauptfunktion in der Bereitstellung von Energie in Form von Adenosintriphosphat (ATP) besteht.

Da wir Lebewesen nun einmal keine Maschinen sind, die nur äußere Arbeit leisten und gegebenenfalls auch mal abgestellt werden können,  müssen wir ununterbrochen "innere Arbeit" leisten, um unseren Lebenszustand  aufrechtzuhalten.  Die einzige Energiequelle, die dazu zur Verfügung steht, ist die in den Nährstoffen (Kohlenhydrate, Proteine und Fette) enthaltene potentielle chemische Energie.  Diese wird über einen sehr komplexen oxidativen Abbauweg über die sog. Atmungskette in den Mitochondrien in verfügbare energiereiche Verbindungen, hauptsächlich in ATP gewandelt. Kommt es auf diesem Weg zu Beeinträchtigungen oder Arbeitsschrittausfällen, so ist zwangsläufig der dynamische Gesamtzustand, sprich die "Lebensenergie",  bedrohlich und mit unterschiedlichsten Ausprägungen beinträchtigt.

 

Benda erkannte bereits 1897:

 „Das Leben einer jeden Zelle ist in den Mitochondrien verankert".

 

Störungen der Mitochondrienfunktion(hier sind ausschliesslich die erworbenen mitochondriealen Störungen gemeint) werden heute als mitochondriale Zytopathien und Mitochondropathien bezeichnet. Inzwischen wurden über 40 verschieden Krankheitsbilder identifiziert mit dem gemeinsamen Hintergrund, dass die Mitochondrien die lebensnotwendige Gewinnung von Energie  aus Nährstoffen und Sauerstoff  nicht mehr vollständig ausführen können.  Der Prozess der Energiegewinnung erfordert hunderte von biochemischen Reaktionen (Atmungskette, Zitronensäurezyklus u.a.) und muss kontinuierlich und störungsfrei laufen, um die Energieversorgung des ganzen Körpers zu gewährleisten. Schon kleinste dauerhafte Störungen dieses Prozesses führen zu Energiemangel und zur Akkumulierung von Stoffwechselgiften, hier vornehmlich Stickstoffmonoxid (NO) im Körper. Dieser Vorgang wird als  "nitrosativer Stress" oder auch als "Nitrostress" bezeichnet. Nitrosativer Stress ist durch eine pathologisch gesteigerte Bildung von mitochondrialem  Stickstoffmonoxid (mtNO) und Folgeprodukten wie Peroxynitrit, Nitrotyrosin und Nitrophenylessigsäure gekennzeichnet. Dies führt unweigerlich zu einem steigenden Verbrauch von Entgiftern, den Antioxidantien. Dieser Mangel  wiederum reduziert den Zell- und Menbranschutz und es kommt vermehrt und nachhaltig zu Zell- und DNA-Schäden.

 

Bei den so entstandenen mitochondrialen Defekten handelt es sich in Folge um Defekte von Enzymen, die an der Energiegewinnung der Zellen beteiligt sind. Die Auswirkungen betreffen den gesamten Zellstoffwechsel, da alle energieverbrauchenden Schritte gebremst werden. Einige der relevanten Enzyme sind gewebespezifisch, so dass nur eine bestimmte Gruppe von Organen betroffen sein kann. Besonders viele Mitochondrien befinden sich in Zellen, die viel Energie verbrauchen, wie Muskelzellen, Nervenzellen, Sinneszellen, Eizellen, Darmschleimhaut und Immunsystem. Symptome des Nervensystems und der Muskulatur sind in fast allen Fällen von Mitochondropathien begleitet.

 

 

 

      Abb.: Verwertung der Glukose aus der Ernährung zur Energieproduktion (ATP). 1." NORMAL": bei jungen Menschen unter Normalbedingungen im Gehirn.  2." OLD": nach altersbedingten Veränderungen und 3. "MODEL":  altersunabhängig bei Sauerstoffmangel oder Stickstoffmonoxid (NO) Intoxikation (Mitochondropathie).  In beiden Fällen (2. oder 3.) ist die Energieproduktion in Form von ATP entschieden reduziert. Modifiziert nach Lund-Johansen, P: J.cardiovasc. Pharmacol. 1 (1979), 487).

 

Auslöser für Nitrosativen Stress

Gesichert sind :

  • virale, bakterielle und parasitäre Infektionen
  • physische Traumata, besonders im Bereich des Halses und Kopfes
  • schwere psychische Traumatisierungen
  • toxische Belastung mit diversen Umweltgiften und Chemikalien (Insektizide, Pestizide, Lösemittel etc.)

Verstärkende Faktoren:

  • starke geistige und körperliche Belastung
  • bakterielle und Virale Infekte
  • Psychostress
  • nitratreiche Ernährung (geräucherte Nahrungsmitel, mit Kunstdünger belastete Nahrungsmitel)
  • Medikamente (Antibiotika, Statine, Nitrate, Potenzmittel ,Arginin, Herzmittel wie Enalapril etc.)
  • Instabilität der HWS
  • kohlenhydratreiche Ernährung

 

Die Symptome und Folgeerkrankungen sind entsprechend je nach Lokalisation und Kombination vielfältig:

Nach Kuklinski kommt es aufgrund der gestörten Prozesse in den Mitochondrien u.a. zu

massiven Vitalstoffverlusten, v.a. zu einem chronischen Defizit an Vitamin B12
verminderter Synthese von Melatonin und Gamma-Aminobuttersäure
gesteigerter Bildung von toxischen Metaboliten wie Homocystein
Störung und Schädigung von Hirnschranken- und Nervenzellen
Funktionsdefiziten der Superoxiddismutase, Glutathion-S-Transferasen, Cytochrom-P450-Enzyme
Anlagerung von Citrullin oder Peroxinitrit an Eiweiße (u.a. Tryptophan, Tyrosin), die dadurch als Antigene wirken
gesteigerter Entzündungsbereitschaft (Entzündungen erhöhen wiederum den nitrosativen Stress)
und in der Folge zu Störungen auf Multiorganebene.



Durch verschiedenste Stressoren kann die NO-Synthese stark erhöht werden und diese pathologische Erhöhung ruft eine Vielzahl von Beschwerdebildern hervor, die sich erheblich auf das Wohlbefinden und die Funktion fast aller Organsysteme und somit des gesamten Stoffwechselgeschehens auswirken können (Multisystemerkrankungen) .

Im Einzelnen können folgende Indikationen auf eine mitochondriale Störung, bzw. auf nitrosativen Stress zurückzuführen sein:

Stark beeinträchtiges Allgemeinbefinden

chronische Müdigkeit

Erschöpfung

starker Leistungsabfall

Konzentrationsstörungen

Migräne

Depressionen

Tinnitus

Störungen des Immunsystems

extreme Erschöpfung nach therapierten Infekten (viral oder bakteriell)

extreme Erschöpfung im Rahmen eines persistierenden Infektes

(insbesondere chronische Borreliose oder EBV)

ausgeprägte Infektanfälligkeit

Allergien

Stoffwechselstörungen

Vitamin B12-Mangelsymptome:

Anämie, Neurologische Symptome (Gangunsicherheit, Parästhesien, Verwirrung,

Gedächtnisschwäche, Psychosen), Glossitis, Gastritis, Obstipation, Arteriosklerose

Cholesterinstoffwechselstörung:

Fettstühle, Gallensteine, verminderte Sexualhormonbildung, Arteriosklerose

Schilddrüsenunterfunktion: Hypotonie, Leistungsschwäche, Gewichtszunahme trotz

verminderten Appetits, Verstopfung

verminderte Katecholaminsynthese:

Hypotonie, Durchblutungsstörungen, Parkinsonähnliche Symptome

herabgesetzte Tryptophan-/Melatoninbildung: Schlafstörungen

Neurologische Erkrankungen

verminderte Dopaminsynthese: Parkinsonähnliche Symptome

verminderte Tryptophan/Serotoninbildung: Depressionen, Angstzustände, Anstieg der

Schmerzschwelle

Störungen des Bewegungsapparates

HWS-Syndrom

chronische Entzündung von Gelenken oder Wirbelsäule

Herabgesetzte Entgiftungsfunktion

Infektanfälligkeit

Atemwegserkrankungen

Kreislaufstörungen

Nierenfunktionsstörung 



 Diagnose und Therapie

Die Diagnose "Nitrosativer Stress" kann heute mit großer Genauigkeit aus einer ausführlichen Anamnese, insbesondere unter Einbeziehung potentieller kausaler Störungen im Bereich des Bewegungsapparates/-systems, gestellt werden. Weiterhin stehen heute zuverlässige spezifische Laborparameter zur Verfügung. Da es sich beim Nitrostress überwiegend um eine  Multisystemerkrankung  handelt, ist folglich auch das individuelle Therapiekonzept sehr unterschiedlich und auf mehreren Säulen aufgebaut. Im Vordergrund steht aber immer die Reduzierung  der auslösenden Faktoren für die überhöhte Stickoxidbildung und die Reduzierung/Eliminierung der mitochondrialen NO-Belastung mittels Ausgleich des Vitalstoff- und Antoxidantienmangels, i.d.R. anfänglich mit entspechende Injektionen und/oder Infusionen. Natürlich muss auch die Ernährung entsprechend moduliert, bzw. angepasst werden.  Bei ursächlicher Beteiligung des Bewegungsapparates, insbes. der Halswirbelsäule (z.B. "instabiles Genick") ist eine begleitende osteopathische Therapie obligatorisch.

 

 

Auswahl zitierter Literatur

Kuklinski, B. (2004a) Kryptopyrrolurie, nitrosativer Stress und Mitochondropathie. Diagnostik- und Therapiezentrum für umweltmedizinische Erkrankungen, Rostock
Kuklinski. B. (2004a) Praxisrelevanz des nitrosativen Stresses. Diagnostik- und Therapiezentrum für umweltmedizinische Erkrankungen, Rostock
          Kuklinski, B. (2003) Das HWS-Trauma, Ursachen, Diagnose und Therapie, Aurum 3. Aufl. 2008

          Fachbroschüre 0030, Nitrostress, Ganzimmun Labor für funktionelle Medizin AG,

          Mainz, 2009

          S. Myhill, N. E. Booth, J. McLaren-Howard (2009):

          Chronic fatique syndrom and mitochondrial dysfunktion. Inst. J. Clin. Exp. Med. 2, 1-16                                                  

          Pall. ML. (2007) Explaining unexplained illness. New York, London, Harrington

          Park Press

          Warnke, U. (2007) Nitrosativer Stress - eine neue Volkskrankheit? Verein zur Hilfe

          umweltbedingt Erkrankter e.V.

          Kersten, W.: Paradigmenwechsel im Verständnis chronischer Zivilisationskrankheiten

          Komplement. integr. Med. · 04/2009